„Ich akzeptiere inzwischen eine Vier“

Lädt jeden Bewerber ein: Birgit Hamann.  © MZV

Lädt jeden Bewerber ein: Birgit Hamann. © MZV

Quelle: MOZ vom 16.02.2016

von Tilman Trebs

Oranienburg (OGA). Rund 80 Unternehmen werben am Mittwoch bei der Berufsbildungsmesse Youlab in der Oranienburger MBS-Arena für ihre Ausbildungsberufe. Erwartet werden wieder mehr als 1000 jugendliche Gäste. Zu den Ausstellern gehört die Oranienburger Firma Elgora, ein Großhändler für Heizung, Sanitär und Klima, der für seine Ausbildungsinitiativen mehrfach ausgezeichnet wurde. Tilman Trebs sprach mit Elgora-Ausbilderin Birgit Hamann über schwierige Nachwuchs-Gewinnung.

 

Frau Hamann, Ihr Unternehmen hat 87 Mitarbeiter, darunter 20 Azubis. Wie kommt es zu dieser hohen Lehrlingsquote?

Wir brauchen dringend Nachrücker, Kaufleute im Groß- und Außenhandel sowie Fachkräfte für Lagerlogistik. In der Stammbelegschaft gibt es immer wieder Fluktuation. Mitarbeiter werden älter, gehen in Rente. Mit Ausbildung beugen wir Mangel an qualifizierten Fachkräften früh vor. Die Übernahmequote ist sehr hoch. Wer sich bewährt und bleiben möchte, hat gute Karten, übernommen zu werden. Wir schließen Übernahmeverträge auch oft schon ein halbes Jahr vor der Prüfung.

 

Wie schwierig ist es inzwischen, Nachwuchs zu finden?

Ziemlich schwierig. Und es hat sich nach meinem Eindruck in den vergangenen zwei Jahren noch etwas verschärft. Ich glaube, es liegt daran, dass die jungen Leute heute andere Interessen haben als noch vor einigen Jahren. Da war eine Ausbildung noch etwas ganz Wichtiges. Im Moment habe ich das Gefühl, es gibt nur eins, das ganz wichtig ist, und das heißt Facebook. Hinzu kommt, dass andere Berufe interessanter erscheinen als der Kaufmann im Groß- und Außenhandel. Viele zieht es eher zu Banken oder in den EDV-Bereich.

 

Können Sie noch alle Ausbildungsplätze besetzen?

Bislang ja. Wir haben zuletzt sogar mehr Azubis eingestellt, als geplant.

 

Wie schaffen Sie das?

Zum Beispiel mit Hilfe von Bildungsmessen wie der Youlab. Wir gehen auch zum Speeddating der Arbeitsagentur und arbeiten mit Schulen zusammen. Wir bieten intensive Betriebsbegehungen an, bei denen unsere Azubis den Schülern das Unternehmen und die Perspektiven bei uns beschreiben. Manche unserer früheren Lehrlinge haben es bis ins Management geschafft. Einige der Schüler sehen wir später als Bewerber wieder. Wir legen keine Bewerbung zur Seite, lesen uns alles intensiv durch. Jeder bekommt eine Chance, hier vorzusprechen. Danach bieten wir ein Praktikum für zwei Tage an. Erst nach dem Praktikum entscheiden wir, wer einen Ausbildungsplatz bekommt.

 

Was muss man mitbringen, um bei Ihnen ausgebildet werden zu können?

Ein Zeugnis, Freude, Interesse an Technik, Freundlichkeit Aufgeschlossenheit

 

Welche Rolle spielt das Zeugnis heute noch? Es ist noch nicht so lange her, da wurden in vielen Autowerkstätten nur Abiturienten mit guten Noten genommen, weil es genug Bewerber gab.

Die Zeiten sind überall vorbei, selbst bei Bundeswehr und Polizei. Noten sind nicht immer ausschlaggebend. Hinter einer schlechten Note kann auch ein Mensch stecken, der sehr viel Interesse zeigt. Eine Fünf in Mathe oder Deutsch ist für einen kaufmännischen Beruf absolut nicht geeignet, aber ich akzeptiere inzwischen eine Vier. Allerdings lade ich die Jugendlichen trotzdem zum Vorstellungsgespräch ein, um herauszufinden, warum sie nur eine Fünf geschafft haben. Manchmal rufen wir dann auch in der Schule an und lassen uns das erklären. Manche halten Schule für unwichtig und merken erst in der zehnten Klasse, dass sie doch etwas sehr Wichtiges ist. In der Berufsschule sieht es dann oft schon besser aus.

 

Wie integrieren Sie schwächere Schulabgänger?

Im vergangenen Jahr habe ich zwei Mädchen unter Vertrag genommen, die notenmäßig nicht so gut dastanden. Sie haben sofort Nachhilfe über die Agentur für Arbeit bekommen. Das nennt sich ABH, ausbildungsbegleitende Hilfen. Dort wird speziell auf fehlende Bausteine eingegangen. Ich habe bei der Arbeitsagentur einen festen Ansprechpartner, mit dem ich das unkompliziert regeln kann.

 

Sie haben vergangenes Jahr den Brandenburgischen Ausbildungspreis gewonnen sowie 2008 und 2011 das Ausbildungszertifikat der Agentur für Arbeit in Neuruppin erhalten. Was machen Sie anders als andere Unternehmen?

Das weiß ich nicht. Wir sind sehr bemüht um unsere Auszubildenden. Viele Azubis haben nach den ersten vier Monaten ein Tief, weil sie denken: „Oh Gott, so ist das ganze Leben.“ Ich sehe meine Aufgabe darin, sie da herauszuholen, zu motivieren. Das Problem ist: Eine Lehre ist anders als Schule. Zur Schule geht man um 8 und um 14 Uhr wieder nach Hause. Wenn ich etwas tue, dann tue ich was, wenn ich nichts tue, tue ich eben nichts. Und wenn ich keine Lust habe, schreibt Mutti mir vielleicht einen Krankenschein. Im Ausbildungsbetrieb gibt es solche Lottertage nicht. Hier muss man pünktlich um 6.30 Uhr da sein. Und wer eine Fachkraft werden will, muss diesen Tag schon durchstehen und dabei auch etwas lernen. Und die Tage sind im Vergleich zur Schule auch lang. Und dann kommt die Berufsschule noch hinzu. Aber bislang haben wir es geschafft, jedem aus diesem Tief herauszuhelfen.

 

Haben Sie all den Aufwand auch in den bewerberreichen Jahrgängen betrieben?

Nein, das gebe ich ehrlich zu. Wir haben in den ersten Jahren auch viele junge Leute ausgebildet, die Abitur hatten, weil wir viel Wert darauf gelegt haben. Auch wir haben festgestellt, dass es einen Wandel gibt. Es gibt weniger Bewerber, die Noten sind nicht mehr so berauschend.

 

Sie haben für die Youlab am Mittwoch in der MBS-Arena einen der größeren Stände gebucht. Warum ist die Bildungsmesse so wichtig für Sie?

Wir sind von Anfang an dabei. Für uns ist die Youlab sehr wichtig. Wenn sie aus der Region verschwinden würde, wäre das für die ausbildenden Unternehmer ein großer Verlust. Zur Messe kommen jungen Leute, die einen Ausbildungsplatz suchen. Das sind die, die wir suchen. Wir haben durchaus schon Verträge mit Bewerbern abgeschlossen, die wir auf der Youlab kennengelernt haben.

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